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Gänsegeschichten 1

Gänse, so fanden wir, gehören auf einen Hof in der Uckermark. Wenn sie klein sind, sind sie flauschig und possierlich. Sie tuscheln und flüstern untereinander und haben sich viel zu erzählen. Wenn sie groß sind, sehen sie prächtig aus, bewachen Haus und Hof und ernähren sich von Gras. Im Herbst werden sie geschlachtet und in köstlichen Braten verwandelt. So die Theorie.

Das Hochzeitsgeschenk

Als wir herzogen, gab es im Dorf keine Gänse. Vier Jahre nach der Wende dachten die meisten noch: jetzt können wir ja alles kaufen, und das, was wir kaufen, wird besser sein als das, was wir selbst ernten oder herstellen. Da wurden keine Johannisbeeren mehr gepflückt, keine Kartoffeln mehr angebaut – und eben auch keine Gänse mehr aufgezogen. Das hat sich inzwischen geändert.

Aber damals waren sie schwer zu bekommen. Freund Hellmuth, unser Trauzeuge, schenkte uns schliesslich ein Gänsepaar zur Hochzeit. Allerdings konnte er auch keine lebenden Tiere auftreiben, daher bekamen wir nur zwei holzgeschnitzte Exemplare und einen Gutschein. Einige Monate später las ich in eine Berliner Zeitung eine Anzeige, es sei ein Gänsepaar zu verkaufen. Ich rief dort an. Ja, versicherte mir die Dame, die Gänse seien noch da, sie seien freundlich, nicht bissig, und der Ganter hätte sogar schon einmal in einem Film mitgespielt.

Herr Nittke, unser Mitarbeiter, baute eine Transportkiste und wir fuhren los, um unsere geflügelten Filmschauspieler abzuholen. Die beiden Gänse machten lange Hälse als sie uns sahen, und die eine zischte böse. “Das gibt sich, wenn er sie erst kennt,” versicherte die Verkäuferin. Mit einiger Mühe gelang es uns, das widerstrebende Geflügel in die Transportkiste zu bugsieren. Wir zahlten und fuhren davon.

Zuhause angekommen, sperrten wir unsere Hochzeitsgeschenke in den frisch gekalkten und frisch eingestreuten Gänsestall. Den Ganter nannten wir Hellmuth zu Ehren des Spenders, und seine Frau hiess Gertie. Es waren prächtige, schneeweise Tiere.

Gertie und Hellmuth richten sicht häuslich ein

 Die beiden lebten sich rasch ein. Sie liefen frei auf dem Gelände herum, krakeelten laut, wenn jemand den Hof betrat und zischten giftig, wenn sie uns sahen.

Als es wärmer wurde, fing Gertie tatsächlich an, Eier zu legen – jeden zweiten Tag eins. Nach dem zwölften liess sie sich nieder, um zu brüten. Hellmuth griff jeden an, der den Stall betrat. Wir rieben uns die schmerzenden Waden und fanden wir es rührend, dass er seine brütende Frau so energisch verteidigte. Gespannt warteten wir darauf, dass die Kleinen schlüpfen würden. aber die Zeit verging, und nichts geschah. Gertie saß jetzt schon über eine Monat auf ihren Eiern (die Küken schlüpfen nach 28-33 Tagen), und ich machte mir Sorgen. Wir beschlossen, an den Eiern zu horchen. Mein Mann, Herr Nittke und ich betraten den Stall, die Männer sollten die Gänse greifen und festhalten, und ich wollte prüfen, ob in den Eiern etwas pickte. Mit großer Mühe gelang es die beiden, die wild mit den Flügeln schlagenden Tiere zu bändigen. Ich horchte an ein paar von den Eiern – aber da pickte nichts, alles blieb still. Die Männer liessen das Gänsepaar los, Gertie setzte sich eilig wieder auf ihrem Nest zurecht und Hellmuth kniff uns durch die Gummistiefeln hindurch in die Beine. Eilig traten wir den Rückzug an und beratschlagten, was zu tun sei. Mit den Eiern stimmte offenbar etwas nicht. Aber wir konnten Gertie doch nicht ewig darauf sitzen lassen.

Adoptivkinder

 Frisch geschlüpfte Gänseküken mussten her – aber woher nehmen und nicht stehlen? Zufällig sah eine Nachbarin in der Zeitung eine Anzeige, die uns weiterhalf: Da wurden im Brutkasten ausgebrütete Gänseküken zum Verkauf angeboten. Wir fuhren hin, und tatsächlich, die Geflügelzüchterin zog eine Schublade ihres Brutschrankes auf und entnahm ihr strubbelige Gösselchen, deren goldgelber Flaum noch gar nicht richtig trocken war. “Acht Stück möchten wir,” sagte mein Mann. “Ach, nehmen sie doch ein paar mehr, das lohnt ja gar nicht” fand die Verkäuferin. Aber wir wollten nicht, setzten unsere acht Strubbelchen in eine Kiste, packten sie warm ein und fuhren nach Hause.

Jetzt wurde es spannend: würde es uns gelingen, der unverzagt brütenden Gertie die Eier wegzunehmen und die Küken unterzuschieben?

Hellmuth wurde ausgesperrt und protestierte heftig. Mein Mann griff sich Gertie, hob sie vom Nest und hielt sie fest. ich sollte schnell die Eier wegnehmen und die fremden Kinder ins Nest setzen. Fast hätte ich vor Aufregung ein Ei fallen lassen – das wäre bei den vermutlich faulen Eiern eine schöne Bescherung geworden – aber alles ging gut. Die Eier wurden gegen die Küken getauscht, mein Mann liess Gertie los, die sofort auf ihr Nest zurückeilte und dort die piepsenden Küken vorfand. Sie stutzte einen Augenblick, dann setzte sie sich, machte sich breit, sodass alle Küken unter ihren Flügeln Platz hatten, bog stolz den Hals und zischte leise in unsere Richtung.

Von nun an waren die beiden ergebene Eltern. Sie betreuten und behüteten die kleinen Fremdlinge ohne Unterlass und lehrten sie alles, was eine Gans wissen muss. Leider brachten sie den Kindern auch bei, dass wir ihre Feinde seien – und das, obwohl sie zweimal täglich von uns Futter bekamen. Sobald sie uns sahen, rannten alle Kinder hysterisch schreiend und mit den kleinen Stummelflügeln schlagend davon, Gertie reckte den Hals und zischte, Hellmuth biss uns in die Beine. Es war nicht nur schmerzhaft, sondern auch peinlich. Jeder Besucher musste den Eindruck gewinnen, wir würden unsere Gänse misshandeln. Keiner wollte uns glauben, dass es umgekehrt war: die Gänse misshandelten uns.

Aber letztlich hatten Helmut und Gertie recht, die Kinder das Fürchten zu lehren, denn zum Herbst wurden alle geschlachtet. Und auch die Eltern mussten dran glauben – die Begegnungen mit ihnen waren einfach zu schmerzhaft.